Bist du eher der Typ, der alles absichert, oder denkst du «wird schon gut gehen!»?
Stress: Alle Menschen, die Typ «wird schon gut gehen» sind, brauchen jemanden, der oder die andersrum funktioniert. Und eine solche Person habe ich auch – ich bin also Typ «wird schon gut gehen».
Es gibt viele Autofanatiker – gehörst du auch dazu?
Stress: Ich hatte keine normale Kindheit und deshalb nie die Möglichkeit, mit Spielzeugautos zu spielen und diesen «Bubentraum» zu entwickeln. Ich sehe Autos als Transportmittel und mir ist es wichtig, dass sie möglichst nachhaltig sind. Deshalb habe ich auch ein Elektroauto. Die Antwort lautet deshalb: Nein, ich bin kein Autofanatiker.
Was läuft bei dir im Auto – Podcast oder Musik?
Stress: Sehr oft nichts! Ich bin oft im Studio und höre deshalb schon genug Musik. Wenn ich im Fahrzeug bin, geniesse ich die Ruhe.
Und wenn doch mal Musik läuft – was hörst du?
Stress: Ich komme aus der Hip-Hop-Welt, deshalb läuft schon oft Hip-Hop. Ich liebe diese Kultur. Und ich bin auch neugierig, was die jüngeren Generationen kreieren.
Und wie gut machen es die jüngeren Generationen?
Stress: Was ich bei Hip-Hop unglaublich finde, ist die Entwicklung in den letzten 30 Jahren. Von Trap zu Drill etc. Es gibt kein anderes Genre, das so vielfältig ist. Rockmusik oder klassische Musik klingen immer noch gleich wie früher.
Was ist deine liebste Hip-Hop-Ära?
Stress: Die aktuelle. Du hast Kendrick Lamar, Playboi Carti und auch ältere Leute, die immer noch Hip-Hop machen. Wenn Leute sagen, «diese Ära habe ich am liebsten», glaube ich, dass sie ihr Leben zu dieser Zeit einfach sehr genossen haben.
Brauchst du dein Auto jeden Tag?
Stress: Fast jeden Tag.
Wofür brauchst du es?
Stress: Ich fahre zur Therapie, zum Training, zu Meetings oder in ein Musikstudio. Wenn ich kann, bleibe ich gern zuhause, aber das ist leider nicht oft der Fall.
Wie sollte ein Auto sein, damit du es für dich in Betracht ziehst?
Stress: Das Auto muss mir optisch gefallen und nachhaltig sein. Autos sind Statussymbole. Und viele Leute kaufen Autos nur, um so zu tun, als hätten sie einen bestimmten Status.
Kennst du den Film «Zurück in die Zukunft»?
Stress: Ja!
Dort gibt es ein Auto, mit dem man in Zeitepochen reisen kann. In welche Epoche würdest du am liebsten reisen?
Stress: Wenn ich in die Vergangenheit reisen könnte, würde ich in die 1960er Jahre reisen. Die Musik war sehr interessant. Es war die Ära vor dem Internet. Und das finde ich faszinierend. Mir gefallen auch die Kleidungsstile und die Haarschnitte aus dieser Zeit.
Wenn du einen Roadtrip organisieren müsstest, wo würdest du hin gehen?
Stress: Island. Dort kannst du gut mit dem Auto die Insel bereisen und auch wandern gehen. In der Natur zu sein, das tut mir gut. Dort kann ich abschalten.
Seit Corona ist es trendy, einen Van für einen Roadtrip umzubauen. Wäre das auch etwas für dich?
Stress: Ich könnte es sicher machen, aber es interessiert mich letztlich zu wenig. Ich glaube auch, vielen Leuten gefällt die Idee eines Roadtrips, aber wenn sie dann mal sieben Tage lang unterwegs sind, holt sie die Realität ein.
Heisst das, du gehst nur in 5-Sterne-Hotels?
Stress: Nein, daran bin ich überhaupt nicht interessiert. Ich habe gemerkt, dass mir teure Hotels nicht viel geben. Jedes 5-Sterne-Hotel ist gleich wie das andere. So lernst du ein Land nicht wirklich kennen. Ich gehe beispielsweise sehr gern surfen. Und der Surfcoach ist oft auch ein guter Tourist-Guide. So hast du viel mehr von deinen Ferien. Wenn ich so darüber nachdenke, mag ich Hotels eigentlich gar nicht. Ich war schon in zu vielen während meiner Karriere. Immer klopfen Leute an die Türe. Du hast keine Ruhe.
Fährst du selbst an deine Konzerte?
Stress: Ja, ich fahre selbst. Sobald ich an der Location ankomme, kommen 20 Leute auf mich zu und haben Fragen. Die Fahrt zu den Konzerten ist eine Aufbauphase. Ich gehe mental den Ablauf durch und fokussiere mich auf die Energie, die dort sein wird. Ich brauche diese Zeit für mich.
Bist du nach dem Konzert nicht zu müde, um nachhause zu fahren?
Stress: Nein, überhaupt nicht, denn nach einem Konzert stehst du unter Adrenalin. Wenn ein Konzert zum Beispiel um 22:30 Uhr aufhört, schlafe ich nicht vor 3 Uhr. Die Fahrt nachhause nutze ich, um herunterzukommen.
Künstliche Intelligenz (KI) ist schon überall – auch in der Musik. Was hältst du von dieser Entwicklung?
Stress: Wir brauchen eine juristische Grundlage, damit Klarheit darüber herrscht, wie man KI einsetzen kann. Grundsätzlich sehe ich es als Tool an. Die KI kann nur mit dem Arbeiten, was bereits existiert. Und als Künstler:in möchtest du etwas Neues kreieren. Es gibt viele nützliche KI-Tools in der Musikbranche, aber das Problem ist einfach der unklare juristische Rahmen. Eine Freundin von mir hat ein Cover mit KI gemacht, aber am Ende konnte sie es nicht veröffentlichen, weil unklar war, ob sie sich damit nicht straffällig macht.
Du bist also nicht abgeneigt, einmal selbst KI in deiner Musik einzusetzen?
Stress: Nein, für den Entwicklungsprozess kann KI durchaus nützlich sein. Ein Beispiel: Wenn ich einen neuen Song produziere und denke, dass eine Frauenstimme dazu passen würde, kann ich das mit der KI einfach mal testen. Früher musste ich dafür eine Sängerin fragen, ob sie vorbeikommen kann, damit wir es ausprobieren können. Nun kann ich diese Entscheidung mit KI treffen.
Bleiben wir beim Thema. Seit dem 1. Juli 2025 dürfen selbstfahrende Autos auf Schweizer Strassen fahren. Wäre das auch etwas für dich?
Stress: Nein, nie im Leben! Vielleicht bin ich zu alt. Aber ich finde es zu gefährlich. Wie oft haben wir schon gehört, dass so ein Auto in den USA gecrasht ist? Dafür ist mir mein Leben zu wertvoll.
Aktuell ist viel los auf der Welt. Es gibt viele Krisen und Menschen, die keine Sicherheit haben. Was gibt dir in deinem Leben Sicherheit?
Stress: Das ist eine interessante Frage, weil ich mich gerade intensiv damit beschäftige. Ich habe realisiert, dass ich viele Stresssymptome habe, die nicht gut für meinen Körper und meine mentale Gesundheit sind. Es ist sehr wichtig, sich immer daran zu erinnern, dass man sicher ist. Und wir sind hier sicher, weil wir in der Schweiz leben. Die Schweiz ist das tollste und sicherste Land der ganzen Welt. Doch leider ist unser Gehirn noch grösstenteils codiert wie in der Steinzeit. Das heisst wir können die Menge an Informationen, die heute verfügbar sind, nur ungenügend verarbeiten. Sicherheit beginnt mit dir selbst – was lasse ich alles in mich rein? Dann kannst du Sicherheit aufbauen. Nur ein bisschen weiter nach Osten herrscht Krieg, was krass ist. Es ist gut, wenn man sich bewusst macht, wie fragil das Leben ist. Und wenn man dankbar ist für das, was man hat. Ich habe selbst erlebt, wie sich das Leben von heute auf morgen um 180 Grad drehen kann. Man sollte deshalb immer versuchen, im Moment zu leben – schau nicht zu weit in die Zukunft und auch nicht zu weit in die Vergangenheit.
Deine Kindheit war von viel Ungewissheit geprägt. Ist die Gefühlslage von dieser Lebensphase noch immer relevant für deine Musik oder hast du damit abgeschlossen?
Stress: Es ist eine Illusion, wenn man glaubt, solche Dinge ganz abschliessen zu können. Sie bleiben ein Teil von dir, und es ist wichtig, wie du damit umgehst. Ich glaube, viele Menschen haben Probleme, weil sie sich nicht mit ihrer Kindheit auseinandersetzen. Was hat das mit mir gemacht? Welche Gefühle habe ich tief in mir drinnen? Sobald du verstehst, was mit dir damals passiert ist, kannst du beginnen, deine Erfahrungen in etwas Positives umzuwandeln. Bewusst zu leben ist sehr wichtig.
Bei jungen Menschen ist das mittlerweile ja eher der Fall. Viele gehen bereits zur Therapie und viele trinken auch keinen Alkohol mehr. Wir erleben aktuell sogar ein Clubsterben. Was sagst du zu dieser Entwicklung?
Stress: Die Clubs sind ein Resultat von dem, was die Gesellschaft will. Und wenn die jungen Leute heute anders leben, dann müssen wir neue Wege finden, sie zu unterhalten. Heute gehen die Jungen zum Beispiel in diese dunklen Räume auf Fahrräder und machen Sport, aber dort läuft auch Musik.
Aber für Musiker:innen sind Clubs doch etwas sehr Wichtiges?
Stress: Ja schon, aber der DJ spielt heute einfach seine Playlist ab. Aber in eben diesen Sportclubs beispielsweise läuft auch Musik, die Leute sind zusammen, sie teilen etwas. Es gibt viele Möglichkeiten für Musiker:innen.
Du machst auch mentale Übungen, um dich in Balance zu bringen. Was hilft dir besonders dabei?
Stress: Ich habe eine Routine entwickelt und nehme mir jeden Tag eine Stunde Zeit für Yoga-Übungen. Hinzu kommen Fokus-Übungen. Dabei fokussiere ich mich auf all die Dinge, für die ich dankbar bin: dass ich gesund bin, dass ich ein tolles Leben habe, dass wir umgeben sind von einer wunderschönen Natur, und so weiter. In dieser Übung versuche ich absolut präsent zu sein und meine Ängste loszulassen. Wir machen uns in unserer Gesellschaft über so viele Dinge Sorgen. Unser Hirn ist so gebaut, dass uns sogar E-Mails in Stresszustände versetzen können! Deshalb ist es wichtig, dass du mit dir selbst und anderen Geduld hast. Und dass du dem Leben vertraust. Ich hatte viele Jahre damit gekämpft, Vertrauen ins Leben zu haben und hatte deswegen auch eine Depression. Dabei gab es einen Schlüsselmoment, als ich irgendwo auf einer Insel war. Es war ein schöner Tag. Und nur einen Monat zuvor war ich für eine Reportage in Estland, wo ich aufgewachsen bin. Da habe ich realisiert, wie weit ich gekommen bin. Ich fragte mich: «Wie kannst du dir selbst nicht vertrauen, wenn du so weit gekommen bist?». Morgen ist ein neuer Tag, mit neuen Möglichkeiten, und auf diese Möglichkeiten solltest du vertrauen.
Du hast musikalisch schon oft Stellung bezogen. Inspiriert dich die aktuelle gesellschaftspolitische Lage, neue Musik zu machen?
Stress: Manchmal inspiriert mich das Wutgefühl, weil es viele Ungerechtigkeiten gibt. Manchmal fühlt man sich hilflos und du musst einen Weg finden, mit deiner Frustration umzugehen. Die Musik ist ein tolles Mittel dafür. Was in der Welt geschieht, inspiriert mich definitiv und ich finde es wichtig, dass Musiker:innen sich fragen, was sie für die Gesellschaft tun können. Es geht nicht nur um Unterhaltung. Wir können mehr zur Gesellschaft beitragen. Und es ist auch wichtig, dass wir das tun.
Was würdest du deinem jüngeren Ich bezüglich Lebensplanung mit auf den Weg geben?
Stress: Schliess eine Versicherung ab! Nein, Spass beiseite. Ich würde meinem jüngeren Ich nicht zu viel mitgeben wollen. Ich hatte nie einen Grossvater, aber ich glaube, er würde sagen: Das Leben ist manchmal ziemlich hart, aber es kann auch sehr geil sein. Und dafür ist es wert zu leben! Wenn das Leben zu einfach wäre, wären wir wohl auch deprimiert. Akzeptiere, dass Challenges auch gut sind.